Die Weinroute auf Gran Canaria
Alles beginnt mit einem Flamen

Liebt seine Arbeit: Agustín Cabrera León in seinem terrassierten Rebhang, zu dem auch ein kleines Landgut gehört. Seine Tropfen werden in Spaniens bekanntestem Weinführer erwähnt und in der Spitzengastronomie geschätzt. | Foto: Daniel Basler
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  • Liebt seine Arbeit: Agustín Cabrera León in seinem terrassierten Rebhang, zu dem auch ein kleines Landgut gehört. Seine Tropfen werden in Spaniens bekanntestem Weinführer erwähnt und in der Spitzengastronomie geschätzt.
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Gewaltige Kräfte schufen das Angesicht Gran Canarias: Kegelförmige Vulkanberge, Schluchten, bizarre Küstenstreifen, tiefe Höhlen und hoch aufragende Dünen – und nicht zuletzt fruchtbare Areale. Diese sind für den Weinbau wie geschaffen. Was sich daraus in den letzten Jahren an Potential entwickelte, davon kann man sich auf der Ruta del Vino ein eindrucksvolles Bild verschaffen. Und dabei natürlich die mannigfaltige Gastronomie der ländlichen Küche ausgiebig kosten und probieren.

Gemeinsam sind wir stark: Das Motto mag für eine Winzer-Vereinigung etwas pathetisch daherkommen, allerdings ist dessen verbindende Kraft bezeichnend für die Ruta del Vino. „Unser Bestreben ist es, die regionale Landwirtschaftskultur zu fördern, damit deren Erbe weitergetragen wird“, bringt Álvaro González Santana den Gründungsimpuls zur nationalen Weinroute auf Gran Canaria vor vier Jahren auf den Punkt.

Mit der Initiative, die erste Weinstraße auf den Kanaren (auf dem spanischen Festland gibt es davon bereits 34) in Kooperation mit dem spanischen Verband der Weinstädte (ACEVIN, Asociación Española de Ciudades del Vino) zu etablieren, ist es gelungen, den vor über 500 Jahren von den Konquistadoren eingeführten Weinbau neu zu beleben – mehr noch: „Wir knüpfen damit an den vergangenen Ruhm an und lassen unsere Gäste regelrecht kosten, welche Güte unsere Vielfalt an Weinen abermals erlangt hat“, freut sich der Direktor des Weintourismus-Projekts über das beherzte Engagement seiner Mitstreiter. Neben den Hauptakteuren, den über zehn Kellereien der drittgrößten Kanareninsel, sind zudem Restaurants, Unterkünfte, Fremdenführer, Tourismusvermittler, Önotheken, nachhaltig produzierende Betriebe bis hin zu den Bochinches (hier werden lokale Delikatessen serviert) Teil des Weinstraße-Konzepts.

Dessen Initiatoren hatten dabei nicht nur die Stärkung des touristischen Angebots und der wirtschaftlichen Entwicklung Gran Canarias vor Augen. „Es geht gleichzeitig darum, dem bewussteren, einfühlsameren Tourismus mehr Potential einzuräumen, mehr Ressourcen auf der Insel zu behalten und dem ländlichen Raum mehr Beachtung zu schenken“, fasst der Weinstraße-Leiter die Kriterien zusammen, mit denen es gelungen ist, Ende 2021 den Innova Gran Canaria Tourism Award (mit ihm wird das beste gemeinschaftliche Innovationsvorhaben im Tourismus auf der Insel gewürdigt) einzuheimsen.

Mit wie viel Leib und Seele die Insel-Winzer und Bodega-Betreiber auf dem knapp 1600 Quadratkilometer großen Minikontinent die Weinbau-Tradition mit innovativem Geist fortführen, dazu reicht ein kurzer Abstecher ins Hinterland von Las Palmas, der quirligen Insel-Metropole, um tiefere Eindrücke der vielversprechenden vinologischen Renaissance und ihrer Erzeugnisse zu gewinnen. In der vegetationsreichen Gegend zwischen Santa Brígida, Monte Lentiscal, der Caldera de Bandama und der nahe der Küste gelegenen Stadt Telde (sie hat sehenswerte Altstadtviertel, Plätze und Kirchen) angekommen, kann es gleich losgehen mit einer ebenso informativen wie kulturhistorisch interessanten Weinführung und Verkostung des einen oder anderen Tröpfchens und das direkt beim Erzeuger.
Einer davon ist beispielsweise die kleine, in einer Schlucht etwas versteckt liegende Domäne Señorío de Cabrera, die wie die anderen Stationen entlang der Weinroute besucht werden können – und dies in einer Atmosphäre, bei der man sogleich merkt, dass man willkommen ist, ja regelrecht verwöhnt wird: Den unbeschwerten Charme den Agustín Cabrera León und Felisa Vega González hierfür an den Tag legen, bringt einfach nur authentisches Lebensgefühl rüber. Doch der Reihe nach: Kaum ist das Tor der Plantage passiert, steht man mittendrin in einer üppig grünen Anlage, ein Gartenreich voller Farben und Düfte und herumflatternder Schmetterlinge. „Mit unserem Landgut ging unser Traum in Erfüllung, selbst etwas nach traditioneller Manier anzubauen. Wir starteten mit einem Orangenhain, später kam Reben hinzu“, berichtet der pensionierte Hotel-Angestellte vom Kauf des rund fünf Hektar großen Hangareals vor über 20 Jahren, welches die Familie mithilfe von Nachbarn und viel körperlichem Einsatz in äußerst fruchtbare Terrassen-Parzellen verwandelt hat.

„Ihr Herzstück bilden unsere über 1200 Rebstöcke, darunter Sorten wie Malvasía Volcánica und Moscatel de Alejandría, Tintilla und Listán Negro, aus denen wir unsere kleinen Chargen weißer und roter Qualitätsweine produzieren“, zeigt der Bodega-Besitzer auf seine liebevoll gepflegte Anlage, die hinter dem Haupthaus liegt, und zugleich für den Anbau von Orangen, Avocados, Oliven, Pfirsichen und Kaffee der Herkunft Arabica Tipica genutzt wird.
Zwar dient die Ernte der paar Kaffeesträucher nur für den Hausgebrauch, dennoch hegt und pflegt das Ehepaar sie ebenso hingebungsvoll wie ihre Rebzeilen, die so ausgerichtet sind, dass sie gleichermaßen volles Tageslicht erhalten und keine Reihe die andere überschattet. „All die Mühen, die Geduld und das Ausprobieren und Anwenden des gesammelten Wissens haben am Ende zu sehr erfreulichen Resultaten geführt“, lenkt der begeisterte Winzer den Blick auf eine Riege an Auszeichnungen bei regionalen und nationalen Wettbewerben, die in seiner Kellerei, wo er seinen Gästen schon mal auch gerne ein Schlückchen des noch reifenden Weins direkt aus dem Fass zum Kosten ausschenkt, hängen.

Seit Kurzem gesellt sich zu den Preisen noch ein ganz besonderer hinzu: Gleich drei Kreationen des Familienweinguts sind in der Ausgabe 2023 von Guía Peñín lobend erwähnt, eine hohe Auszeichnung, denn hierbei handelt es sich um nichts Geringeres als den wichtigsten und bekanntesten Weinführer Spaniens, ergänzt um zusätzliche Infos wie Weinerzeugung, Qualität oder Genuss. Apropos Genuss: Die hausgemachten Gerichte, für die Felisa Vega González lokale Zutaten verwendet, und die von ihr in mehreren Gängen den Gästen im Innenhof nach einer Besichtigungstour gereicht werden, gewähren geschmacklich einen Querschnitt ländlicher Insel-Spezialitäten, vom Ziegenkäse mit Feigenmarmelade über mit Chorizo gefüllte Kroketten bis zum Eintopf mit Kichererbsen und dem Gofio-Mousse-Nachtisch aus geröstetem Mais.

Wer mag, kann nach einem derartigen kulinarischen „Höhenflug“ noch landschaftlich einen solchen draufsetzen, was nahe liegt, denn der Bandama-Bergkessel liegt gerade um die Ecke. Die ausladende Caldera des Vulkans – vielen gilt sie als die Eindrucksvollste der Kanaren – entstand vor etwa 5000 bis 3000 Jahren durch eine Wasserdampfexplosion, dessen Ausmaße man am besten vom Pico de Bandama in knapp 580 Meter Höhe überblicken kann – und ein Blick entlang der Kraterflanken, an denen sich dicht am Boden Reben bis an den Fuß des Vulkans ziehen, lässt erahnen, dass hier noch bis vor wenigen Jahren im kleinen Stil Landwirtschaft betrieben wurde.

Ein amüsantes Detail grancanarischer Weinkultur-Einzigartigkeit darf bei so einer reichhaltigen Tagesexkursion natürlich nicht fehlen: „Bandama“, so expliziert der einheimische Guide, geht auf eine sprachliche Sinnverfälschung des Namens „Vandama“ zurück und ruft einen Pionier der kanarischen Weinwirtschaft in Erinnerung. Es handelt sich um den flämischen Händler Daniel Van Damme, der kurz nach der Conquista die Insel erreichte und im besagten Kraterrund Reben kultivierte. Was viele für unmöglich hielten, ging voll auf: Der Anbau auf den mineralreichen Lavaböden stellte sich als passabler Erfolg heraus und ebnete dem kanarischen Wein den Weg zu den Tischen der gehobenen Gesellschaft (en) Europas.

Dem Weinbau-Aufschwung setzten schließlich die Folgen des Spanischen Erbfolgekrieges und die globalen Umbrüche, verbunden mit dem Verlust von Absatzmärkten, und der Mehltau-Befall ein jähes Ende, sodass im 19. und 20. Jahrhundert nur noch kleinere Weinmengen für den Hausgebrauch produziert wurden – bis die Europäische Union auf den Plan trat: Mit ihren Subventionen zu Beginn der 90er-Jahre brachte sie einen Umschwung in Gang und befeuerte damit eine imposante Qualitätssteigerung in Kooperation mit den heimischen Weinmachern (heute schmückt sich der Inselwein mit eigener DOP, einer geschützten Herkunftsbezeichnung, womit rund 60 Kellereien registriert sind), von denen heute jeder bestrebt ist, mit einer etwas anderen Handschrift, Philosophie, Methode und großer Passion das reiche Erbe in eine vielversprechende Zukunft weiterzureichen.

Text / Fotos: Daniel J. Basler

Hilfreiche Reiseinfos und Tipps für Ausflüge und Bodega-Adressen finden sich unter:
www.spain.info.de, www.grancanaria.com, www.rutadelvinodegrancanaria.net, www.etnoexperience.com, www.hallokanarischeinseln.com und www.holaislascanarias.com

Liebt seine Arbeit: Agustín Cabrera León in seinem terrassierten Rebhang, zu dem auch ein kleines Landgut gehört. Seine Tropfen werden in Spaniens bekanntestem Weinführer erwähnt und in der Spitzengastronomie geschätzt. | Foto: Daniel Basler
Das Néstor Álamo-Museum in Santa María de Guía bietet einen Überblick zur Kultur und Folklore der Einwohner von Gran Canaria. | Foto: Daniel Basler
Der Naturpark Bandama mit seinem gleichnamigen Vulkankrater erstreckt sich im Nordosten Gran Canarias, etwa zehn Kilometer von der Hauptstadt Las Palmas de Gran Canaria entfernt. In seiner Nachbarschaft liegen etliche namhafte Weingüter. | Foto: Daniel Basler
Die Altstadt von Santa María de Guía steht seit 1982 unter Denkmalschutz:  Die Planung ihres historischen Zentrums ist typisch für die Gestaltung spanischer Gemeinden aus der sogenannten Kolonialzeit. | Foto: Daniel Basler
In der Bochinche-Bodega La Montaña auf 800 Meter Höhe über dem Atlantik produziert die Familie von Jerónimo Marrero jährlich nicht nur rund 10 000 Liter eigenen Qualitätswein. Es wird zugleich eine Imkerei und eine Gastronomie mit einer Auswahl bodenständiger Gerichte betrieben. | Foto: Daniel Basler
Woher die Ureinwohner (die Guanchen) der Kanaren stammen, die im 15. Jahrhundert von den Spaniern vernichtet wurden, ist bis heute nicht eindeutig geklärt.   | Foto: Daniel Basler
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Daniel Basler aus Karlsruhe

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