Bauhaus, Jugendstil, Klassizismus: Gehobene Architektur im Franzosenviertel
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- Shellhaus
- Foto: Julia Glöckner
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Ludwigshafen. Die Architektur im Wittelsbachviertel ist stark historisch geprägt. Straßenführungen, Allen und Fassaden sind Denkmäler aus der Zeit der Beau-Art. Wie eine Architekturklasse führt Stadtführerin Elke Gallé 40 Besucher am Weltgästeführertag durchs Quartier.
Von Julia Glöckner
„Es ist ein großes Glück, dass ein ganzes Quartier nicht der Bombardierung zum Opfer gefallen ist. So etwas findet man in deutschen Städten selten“, sagt Gallé. In Süd lebten schon seit der BASF-Gründung die Stadteliten. Das ist dem Viertel bis heute anzusehen. Hier findet man unzählige „verborgene Schätze“, an denen man im schnelllebigen Alltag mit Auto und auf dem Rad vorbeirauscht.
Shellhaus: Backsteinkubus im Bauhausstil
Das vom Architekten Rudolf Brüning geplante und 1926 fertiggestellte Shellhaus ist längst unter Denkmalschutz gestellt. „Der Bauhausstil ist klar, ohne Schnörkel und Schnickschnack, geprägt von neuer Sachlichkeit und zeigt trotzdem viele verspielte Elemente“, erklärt Gallé. Die Tourführerin zeigt auf das Eckelement nach oben. Und die Absicht des Architekten erschließt sich einem unmittelbar: Wie ein Aufbau auf dem Oberdeck eines Schiffs ragt es über die oberste Etage hinaus. Kleine Eckfenster muten wie Luken an. Entlang des Flachdachs schwingt sich ein Aufbau wie die Reling eines Schiffes. Auch Fenster zeigen laut Gallé die Stilrichtung bis heute, genauso wie die sich nach oben verjüngenden Etagen.
Bevor das Gebäude nach dem 2. Weltkrieg in den Besitz Familie Shell überging, ließen Renner & Jahr, Händler für Schmieröl und Benzin, es errichten. Die Lage am Mundenheimer Rheinhafen war ideal. Es war schon Sitz der GAG Verwaltung und des Finanzamts. Heute sind Polizeibüros untergebracht.
Bau der Pfalzwerke
Gallé führt ins Wohnviertel zum Bayernplatz. „Die Menschen leben hier in sehr ruhiger Wohnlage. Zusammen mit dem Bayernplatz bietet das Quartier hohe Lebensqualität“, sagt sie. Mehr als 90 Prozent der historischen Bausubstanz ist hier erhalten. Otto Schittenhelm hat als renommierter Architekt viele große Häuser und bedeutsame Bauten geplant, wie auch das imposante kleine Schloss, das die gesamte Breite des Bayernplatzes einnimmt. Der zweite Architekt war Karl Latteyer. Die Pfalzwerke gaben es in Auftrag. Ihr neuer Verwaltungssitz wurde 1923 fertiggestellt. „Die Gaube wurde von Bombern zerstört. Es fehlt ein Teil davon“, erklärt Gallé. Auf dem Architav und über den dorischen Säulen im neo-klassizistischen Stil erheben sich sechs Statuen. Sie stellen Handel, Schifffahrt, Weinbau, Ackerbau, Gewerbe und elektrische Energie dar. „Die Wohnungsnot bringt die Stadt in Zugzwang. Die Verwaltung hat entschieden, dass nur die Fassade original erhalten bleiben muss. Ein Teil des Baus dahinter wird abgerissen, um dort neue Wohnungen zu errichten.“ Von außen wird sich das Schlösschen damit kaum verändern.
Handwerksmeistervillen
Architektonisch beeindruckende Wohnhäuser säumen die Lisztstraße, darunter viele Häuser von Handwerksmeistern, wie das von Spenglermeister Knöbel, erklärt Gallé. Die Fassade ist mit Jugendstilelementen verziert: Blumenbouquet über dem Eingang, Medaillons mit Masken, Ornamente und Kordeln. Lambrequins nennt man die Blenden vor Rollladenkästen, die als Außenelemente im Barock aufkamen. Sie werden seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts bis in die Gründerzeit gern vor Rollläden angebracht. Gegenüber steht das quartiersprägende Haus mit dem runden Erker.
Ein Stück weiter bringen Stolpersteine gedanklich aus dem Tritt. Sie erinnern an Markus Sternlieb, einen berühmten Ludwigshafener Baumeister. Er plante die Ebertsiedlung, das Stadthaus Nord, die Westendsiedlung am neuen Messplatz, das Straßenbahndepot und viele weitere Gebäude in der Chemiestadt. „Der jüdische Architekt erlebte in der Nazizeit Demütigung und Ausgrenzung. Sein Tod 1934 ist bis heute nicht geklärt. Ein Suizid ist nicht ausgeschlossen“, sagt Gallé.
In der Wittelsbachstraße steht das Eckhaus, das die Ludwigshafener das Franzosenhaus nennen. Das Reichsvermögensamt ließ es für Offiziersfamilien der französischen Besatzungsarmee 1919/20 bauen, die hier nach Vereinbarung des Waffenstillstands nach dem 1. Weltkrieg stationiert waren. Der Bauantrag der heutigen Eigentümer, im Auge der runden Wendeltreppe einen Aufzug einzubauen, hat die Stadt aus Denkmalschutzgründen abgelehnt. Drei großzügige Zimmer gibt es auf jeder Etage, die unteren beiden Etagen ohne Balkon haben bis zu neun Meter hohe Decken. Den Franzosen wollte man damals mit dem Bau etwas „Gutes tun“, erklärt eine Eigentümerin, die die Gruppe auf der Straße trifft. Denn Deutschland hatte den Krieg angezettelt und wurde verurteilt, bis 2017 hohe Reparationszahlungen an Frankreich zu zahlen, die den deutschen Haushalt erheblich belasteten.
Die Wohngegend zeugt von gehobenen Ansprüchen. Gallé macht Halt an vielen weiteren Gebäuden, führt durch den Hof der Wittelsbachschule. Sie verweist auf Säulen, Jugendstilelemente, Türmchengiebel, und runde Fensterbögen, schmeißt mit französischen Fachvokabeln um sich. Oft fällt der Name des Architekten Schittenhelm. Franzosenviertel nennt man das Quartier auch wegen seiner historischen Prägung. Die französisch inspirierten Bebauungen der Wittelsbachstraße, an der schräg-symmetrischen Straßenführung in Richtung der großen Alleen und der Beau-Art erkennbar, führt bis heute weit in die Parkinsel. Wer die Augen aufhält, wird viele Schätze finden. jg
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Autor:Julia Glöckner aus Ludwigshafen |
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