Handwerk des Buchbinders
Jedes Buch ist anders

Torsten Boschert leimt den Rücken eines Buchs | Foto: Roland Kohls
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Diedesfeld. Wer seine Bachelorarbeit binden lassen, eine ganz besonderes Fotobuch von der Hochzeit oder die alte Familienbibel restaurieren lassen möchte, geht zum Buchbinder. Durch die Digitalisierung haben die Buchbinder immer weniger zu tun. Wir sprachen über die Zukunft des Handwerks, die Nischen im Markt und die abwechslungsreiche Arbeit des Buchbinders mit dem Obermeister der Buchbinder-Innung der Pfalz Torsten Boschert aus Diedesfeld.

Wer lässt sich heute, im Zeitalter der Digitalisierung noch Bücher binden?

Torsten Boschert: Ja, die Digitalisierung ist ein großes Thema für die Buchbinder. Aber ich hoffe, dass bald Vernunft einkehrt. Zurzeit wird einfach alles digitalisiert. Aber ich denke, man muss schauen, wo das sinnvoll ist. Ich hatte neulich beispielsweise einen Gerichtstermin. Was nicht funktioniert hat, war die digitale Akte. Ich konnte mir den Hinweis nicht verkneifen, dass das mit Papier nicht passiert wäre.

Bleibt die Frage: wer lässt heute noch Bücher binden?

Boschert: Für Prüfungsarbeiten wie beispielsweise Master- oder Doktorarbeiten ist noch immer auch eine gebundene Version vorgeschrieben. Auch Rechtsanwälte, Steuerberater und Notare lassen sich teilweise die Fachliteratur binden. Ansonsten wird die Reparatur und Restauration alter Bücher ein zunehmend wichtigeres Thema. Von der alten Familienbibel bis zum häufig benutzten Kochbuch wird wiederhergestellt. Gerade die Generation, die noch das gute alte Fotoalbum kennt, aber auch mit dem Smartphone umzugehen weiß, lernt zunehmend den Wert von Papier wieder schätzen. Ich glaube, dass nach der Digitalisierungswelle Ernüchterung einkehrt und Papier wieder wichtiger wird. Beispielweise auch wegen des Datenschutzes oder des Archivierens, Papier ist da einfach ein dankbares Medium.

Wie schaffen es die ohnehin nicht vielen Buchbinder in diesem doch enger werdenden Markt zu überleben?

Boschert: Es ist für jeden einzelnen Buchbinder wichtig seine Nische zu finden. Und die meisten Buchbinder stehen auf mehreren Standbeinen. Ich beispielsweise biete zusätzlich Rahmungen und Digitaldruck an, eine Kollegin in Bad Dürkheim hat sich auf die Herstellung von Lampenschirmen spezialisiert, andere Kunsthandwerk oder Kunsthandel. Wir handwerklichen Buchbinder leben von der Tradition und es wäre sträflich, wenn dieses alte Wissen, die traditionellen Techniken verloren gingen.

Dafür muss das traditionelle Handwerk auch weitergegeben werden. Wie ist die Ausbildungssituation?

Boschert: Ich bin zurzeit der einzige in der gesamten Pfalz, der ausbildet, mit einem gewissen Stolz und Trotz. Mir geht es schon darum, dass der Beruf nicht ausstirbt. Bis jetzt war es auch kein Problem, junge Menschen zu finden, die sich für das Handwerk des Buchbinders begeistern. Die letzten beiden Lehrlinge planten von Anfang an, die Restauration von Büchern zu studieren. Für dieses sehr theoretische Studium ist die praktische Ausbildung eine hervorragende Grundlage. Aber es ist auch nicht ausgeschlossen, dass sie sich später als Buchbinder selbstständig machen. Gute Buchbinder und Restauratoren sind sehr gesucht.

Wie ist denn der klassische Ablauf, bei der Buchbinderei? Was machen sie genau?

Boschert: Das ist das schöne an dem Beruf des Buchbinders, dass es diesen klassischen Ablauf nicht gibt. Jedes Buch ist anders. Es gibt zwar auch noch die Standardaufträge, wenn etwa ein Anwalt sich die Fachliteratur binden lässt. Aber meist sind die Anfragen sehr speziell. Ich habe neulich eine Bachelorarbeit gebunden, da war die Herausforderung einen kleinen Computer zu integrieren. Ein anderer Student wollte einen Bodenbelag in die Bindung der Abschlussarbeit eingebunden haben. Und ein Paar wollte das Hochzeitsbuch in Omas Handtuch eingebunden haben. Wer zu einem Buchbinder geht, möchte in der Regel etwas sehr persönliches, sehr individuelles. Diese Wünsche werden zunächst besprochen, dann plane ich, wie der Wunsch umgesetzt werden kann und fertige gegebenenfalls ein Muster, dass mit Kunden erneut besprochen wird. Auch bei der Reparatur oder Restaurierung ist das Vorgehen von Buch zu Buch, manchmal bei jedem Blatt anders. Das bedarf viel Erfahrung. Aber die Kunden wissen es zu schätzen, wenn ein Buch, das kaum noch zu retten war, schließlich wieder im alten Glanz erstrahlt. rk 

Torsten Boschert

Torsten Boschert betreibt die Buchbinderei Boschert in dritter Generation in Neustadt-Diedesfeld. Die Buchbinderei Boschert wurde 1932 in Neustadt gegründet. Boschert hat die Meisterprüfung im Jahr 2000 abgelegt und ist heute Obermeister der Buchbinder-Innung der Pfalz. In der Pfalz ist er zur Zeit der einzige Buchbinder, der Nachwuchs ausbildet. rk

Wo der Wein atmet
Autor:

Dehäm Magazin aus Ludwigshafen

Amtsstraße 5-11, 67059 Ludwigshafen
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